Hat der Westen den Verstand verloren?

„In den historischen Kernstaaten der westlichen Zivilisation, in Frankreich, Großbritannien und den USA, hat sich eine Anti-Establishment-Stimmung breitgemacht, die besorgniserregend ist. Ein Corbyn, ein Trump und eine Le Pen als Führer der freien Welt? Das scheint nicht mehr so kategorisch ausgeschlossen zu sein, wie man wünschen würde. Ist der alte Westen verrückt geworden?“ Hier weiterlesen.

Tebartz-van Elst und der Kampagnenjournalismus

Tebartz-van Elst. Bis vor Kurzem sagte mir dieser Name nichts – wie wohl den meisten anderen Bundesbürgern auch. Als der „Spiegel“ unlängst mit dem Konterfei des Limburger Bischofs aufmachte und die Massenmedien wochenlang kaum ein anderes Thema kannten, war ich mehr als genervt. Der Grund ist offensichtlich: Die mediale Gewichtung verlief antiproportional zur tatsächlichen Relevanz.

Oder ist es tatsächlich ein so großer „Skandal“, wenn die Baukosten für ein kirchliches Großprojekt aus dem Ruder laufen? Ist dies tatsächlich von einer so immensen Bedeutung, die es rechtfertigen würde, dass es in der politischen Debatte der Bundesrepublik über lange Zeit nichts Wichtigeres gibt? Insbesondere, wenn man bedenkt, dass auch beim Bau des Flughafens Berlin Brandenburg (BER) eine ungeplante Kostenexplosion stattfand, die anders als in Limburg nicht in die Millionen, sondern in die Milliarden ging und zudem Steuermittel und nicht Kirchenvermögen betraf? Und die nicht annähernd so viel Raum in den Medien erhalten hat?

Meine Antwort lautet: Nein. Viel mehr scheinen interessierte Kreise innerhalb des medialen Komplexes die Gelegenheit genutzt zu haben, der Katholischen Kirche als letztem Bollwerk gegen den Zeitgeist maximalen Rufschaden zu verpassen. Ähnlich, wie dies bereits im Zuge der Diskussion um pädophile Straftäter im Umfeld der Kirche geschehen war. Dass sexueller Missbrauch durch Bedienstete der Kirche statistisch belegt unterdurchschnittlich vorkommt – wen kümmert das schon, wenn man der Katholischen Kirche ans Bein pinkeln kann?

Der Publizist Felix Menzel hat mit Bezug auf derartige Kampagnen ein Buch mit dem Titel „Medienrituale und politische Ikonen“ veröffentlicht und darin eine „Skandalokratie“ ausgemacht. Deren Wirkungsmechanismen beschreibt er wie folgt:

„Wir leben in einer entpolitisierten, entideologisierten Konsensdemokratie, die sich von den Ursprüngen des Parlamentarismus entfernt hat und kontroverse Debatten nicht mehr kennt. Doch diese Konsensdemokratie kennt einen Modus, mit Hilfe dessen sich alle Parteien auf ein neues Ziel einschießen können. Dies ist der Skandal, der einen Ausnahmezustand konstituiert, in dem sofortige politische Kehrtwenden durchgesetzt werden können.“

Klaus Wowereit, politisch verantwortlich für die Kostensteigerung beim erwähntem Flughafenprojekt BER ist übrigens längst wieder voll im Geschäft.