Kokain für die Gringos

Escobar_dead

Mehrere hundert Menschen soll er umgebracht haben: Der Auftragskiller Jhon Jairo Velásquez Vásquez, genannt „Popeye“. In den 1980er und frühen 1990er Jahren, als der milliardenschwere Drogenbaron und Gründer des berüchtigten Medellín-Kartells Pablo Escobar dem kolumbianischen Staat den Krieg erklärt hatte. Und ihn fast gewann.

Von den Behörden gejagt setzte Escobar ein Kopfgeld von 4.000 Dollar auf jeden getöteten Polizisten aus. Für Angehörige einer Eliteeinheit, die für seine Ergreifung zuständig war, zahlte er sogar 8.000 Dollar. Die Folgen glichen einem Erdbeben: Allein in der Hochburg Medellín übernahm Escobars Kartell die Verantwortung für 215 ermordete und 296 verletzte Polizeibeamte. Zu den weiteren Topdesopfern gehörten im ersten Halbjahr 1989 nicht weniger als 156 Funktionststrägern aus Regierung und Justiz.* Auch ein Präsidentschaftskandidat, ein Justizminister und Journalisten wurden zu Zielscheiben. Nicht zuletzt erschütterten mehr als 200 Bombenanschläge das südamerikanische Land.

Hitman und Escobar-Intimus Jhon „Popeye“ Vásquez verdiente sich durch die Kopfgelder eine goldene Nase. Doch genau wie seinen Boss, der 1993 von einer kolumbianisch-amerikanischen Sondereinhet getötet wurde, verließ auch „Popeye“ irgendwann das Glück und er landete für mehrere Jahrzehnte im Hochsicherheitsgefängnis Cómbita. Im August 2014 wurde jener Mann, der auf Anordnung Escobars sogar seine eigene Freundin umbrachte auf Bewährung entlassen. Doch auch nach seiner Entlassung sorgt Vásquez wieder für Schlagzeilen.

In einem Fernsehinterview hat „Popeye“ nun erstmals tiefere Einblicke in die Hintergründe des Kartells gegeben. So bekannte er die enge Zusammenarbeit zwischen Pablo Escobar und dem kommunistischen Kuba, um raue Mengen Kokain in die USA zu transportieren. Der damalige kubanische Verteidigungsminister und heutige Staatsschef Raúl Castro habe die Lieferungen persönlich in Empfang genommen. Als Briefbote sei damals der kolumbianische Schriftsteller und Castro-Vertraute Gabriel Garcia Marquez eingesetzt worden. Unter anderem habe Drogenboss Escobar in dem Schriftverkehr an die Castro-Brüder für den Schmuggel die Verwendung eines U-Boots angeregt.

Neu sind an diesen Aussagen nur die Details. Bereits die Regierung Regan-Bush hatte entsprechende Vorwürfe gegen das Castro-Regime erhoben. Bestätigt wurden diese 1991 durch die Zeugenaussage eines Gründungsmitglieds des Medellin-Kartells. Der deutschstämmige Co-Chef Carlos Lehder Rivas berichtete von zwei Treffen mit Verteidigungsminister Raúl Castro, um den Transport über kubanisches Gebiet zu erörtern. Auch in den Schmuggel über Nicaragua sei der kubanische Geheimdienst verwickelt gewesen.

Gestützt werden diese Aussagen durch einen weiteren Strafprozess. Über diesen schrieb der „Spiegel“ bereits 1989:

In den vergangenen Monaten war Fidel Castro durch US-Ermittlungen in die Enge getrieben worden. Seit Februar verhandelt ein Gericht in Miami gegen den gebürtigen Kubaner Reinaldo Ruiz und seinen Sohn Ruben wegen Drogenhandels. Peinlich für den Diktator: Die Angeklagten gaben an, ihre Flugzeuge seien auf Militärflughäfen gelandet, Kubas Küstenwache habe ihre Schnellboote auf dem Weg nach Florida beschützt. 400 000 Dollar Bestechungsgelder wollen sie an kubanische Beamte gezahlt haben. „Das Geld ging in Fidels Schublade“, behauptete Ruben.

An der „Cuban Connection“ nimmt die DEA schon seit langem Anstoß. 1982 kamen vor einem Gericht in Miami Einzelheiten heraus: Vier hohe kubanische Funktionäre wurden in Abwesenheit verurteilt, weil sie seit 1979 einen Rauschgiftweg von Kolumbien über Kuba aufgebaut hatten. Ein ehemaliger Agent des kubanischen Geheimdienstes DGI, Mario Estevez Gonzalez, sagte aus, daß 400 DGI-Agenten am Schmuggel beteiligt seien. (…)

Als im Februar 1988 ein Gericht in Miami Panamas starken Mann Antonio Noriega der Verwicklung in Drogengeschäfte anklagte, war Fidel Castro schon einmal ins Gerede gekommen. Ein langjähriger Vertrauter von Noriega erzählte, der kubanische Staatschef habe 1984 persönlich einen Streit zwischen den MedellIn-Bossen und Noriega geschlichtet.

Zuletzt bestätigte im April dieses Jahres Juan Reinaldo Sanchez den Drogenhandel durch Kuba. In einem Enthüllungsbuch berichtet er aus der lateinamerikanischen Diktatur verstörendes. Und Sanchez muss es wissen: Über 17 Jahre war er Leibwächter von Fidel Castro. Als er schließlich um Versetzung in den Ruhestand bat, durfte er tatsächlich aufhören zu arbeiten – und landete für 14 Jahre im Gefängnis. Offenbar wollte der Inselstaat verhindern, dass Fehlverhalten der Staatsführung wie der Drogenhandel publik wird. Nur der Flucht Sanchez ist es zu verdanken, dass dies nicht dauerhaft gelang.

Die Verstrickungen des Castro-Regimes sind derart gut belegt, dass sie sogar in Reiseführern Erwähnung finden. So heißt es in einem Ratgeber von „Marco Polo“:

Die einzigen staatlich anerkannten Drogen sind Musik, Alkohol und Arbeit für das Gemeinwohl. Die Revolutionäre veränderten die Welt nicht im Marihuanarausch, sondern unter hohem Blutzoll mit der Waffe. Obwohl Kuba zeitweise – mit dem Alibi, den USA zu schaden – den Drogenhandel Kolumbiens gewinnbringend unterstützte, ist der Konsum von Kokain, Haschisch oder Marihuana streng verboten. Wer mit Drogen erwischt wird, macht Bekanntschaft mit einem kubanischen Gefängnis.

Angesichts dieser erdrückenden Beweislage ist es bemerkenswert, wie vorsichtig die Tageszeitung „Die Welt“, lange bekannt als Flaggschiff des deutschen Konservatismus, über die neuerlichen Aussagen von Jhon „Popeye“ Vásquez schreibt:

Die neuesten Enthüllungen Popeyes haben politische Sprengkraft, denn er plauderte aus, welche prominenten Lateinamerikaner auf der Empfängerliste von Escobars Kokain-Lieferungen gestanden haben sollen. In dem in Medellín aufgezeichneten Interview mit dem Journalisten Ricardo Canaletti im Auftrag der TV-Sendung „Telenoche“ erhebt Popeye in seinem weißen Pullover dabei schwere Vorwürfe gegen die beiden Castro-Brüder aus Kuba.

„Politische Sprengkraft“ durch eine uralte, hinlänglich bekannte Verbindung? „Schwere Vorwürfe“ sollen das für ein Regime sein, das seine Kritiker zu Hunderten willkürlich wegsperrt? Allein im Juni wurden in Kuba laut der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte fast 700 Regimegegner in Kerker des kommunistischen Inselstaates geworfen. Über willkürliche Festnahmen während des kürzlichen Papstbesuchs hält die Organisation fest:

Während des Besuchs von Papst Franziskus auf Kuba vom 19. Bis zum 22. September 2015 wurden auf der kommunistisch regierten Karibikinsel rund 250 Demokratieaktivisten festgenommen. Dies berichtete die derzeit größte oppositionelle Organisation „Patriotische Union Kubas“ (UNPACU) der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM). Ein Zusammentreffen des Papstes mit der kubanischen Opposition fand trotz zahlreicher Petitionen nicht statt, auch Benedikt XVI. hatte sich bei seinem Besuch im März 2012 nicht mit den Demokratieaktivisten Kubas getroffen, sehr wohl aber mit Fidel und Raúl Castro.

In der kubanischen Hauptstadt Havanna wurden allein am 20. September 25 Mitglieder der Bürgerrechtsorganisation „Damen in Weiß“ verhaftet, um sie daran zu hindern, an der Papstmesse auf der „Plaza de la Revolución“ teilzunehmen. Das Regime versuchte so, „unbequeme“ Dissidenten von den Papstmessen fernzuhalten, richtete sich doch während der Anwesenheit des Papstes die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinde auf Kuba.

Haydée Gallardo Salazar, ehemalige politische Gefangene, war unter den 25 „Damen in Weiß“, die am 20. September 2015 verhaftet wurden. „Es war fürchterlich, wir wurden um 5 Uhr morgens verhaftet, als wir gerade auf dem Weg zur „Plaza de la Revolución“ waren. Wir wurden misshandelt, geschlagen und an den Haaren gezerrt und erst nach mehreren Stunden wieder freigelassen, in der Haft wurden wir von Beamten der Staatssicherheit beschimpft und bedroht“, berichtet sie der IGFM. „Weil ich Mitglied der ,Damen in Weiß‘ bin, wurden auch mein Mann und mein Sohn festgenommen“, so die Bürgerrechtsaktivistin, die bereits von Mai 2014 bis Januar 2015 inhaftiert war. Vorgeworfen wurden ihr „Missachtung der Autoritäten“ und „Störung der öffentlichen Ordnung“, nach Angabe der IGFM waren diese Anklagen aber fingiert, Gallardo Salazar war einzig wegen der Teilnahme an einem Protestmarsch der „Damen in Weiß“ in Haft. (…)

Die Bürgerrechtsorganisation „Damen in Weiß“ wurde 2003 gegründet, als im Zuge des kubanischen „schwarzen Frühlings“ 75 kubanische Menschenrechtler, Journalisten und Oppositionelle verhaftet und zu Haftstrafen zwischen sechs und 28 Jahren verurteilt wurden. Die Organisation ist mittlerweile in mehreren Teilen Kubas vertreten, ganz in weiß gekleidet besuchen die landesweit rund 240 Mitglieder der Bürgerrechtsorganisation regelmäßig die Sonntagsmessen, um für ihre inhaftierten Angehörigen zu beten. Danach gehen sie schweigend durch die Straßen der kubanischen Hauptstadt, mit einer Gladiole in der einen und einem Foto des inhaftierten Angehörigen in der anderen Hand.

Für Verantwortliche derartiger Zustände ist die Zusammenarbeit mit dem Medellín-Kartell kein schwerer Vorwurf. Wenn man nicht gerade Mitglied im Arbeitskreis „Cuba Sí“ der Linkspartei oder Übervorsichtiger „Welt“-Autor ist, sollte man derartige Verbindungen geradezu erwarten. Sogar Jhon „Popeye“ Vásquez gelingt da eine realistischere Beschreibung der Wirklichkeit:

Angesprochen auf die Frage, inwieweit man einem verurteilten Kriminellen solche Anschuldigungen glauben könne, die er gegen einen inzwischen angesehenen Staatsmann erhebe, sagte Popeye: „Das ist kein politischer Führer, das ist ein Diktator und auch nur ein weiterer Bandit.“

(Aufmacherfoto: Mitglieder der amerikanisch-kolumbianischen Elite-Einheit, die Pablo Escobar zur Strecke gebracht hat, posieren am 2. Dezember 1993 in Medellín neben dessen Leiche)

* vgl. Thomas Jäger, Anna Daun, Daniel Lambach, Carmen Lopera, Bea Maass, Britta Margraf: „Die Tragödie Kolumbiens: Staatszerfall, Gewaltmärkte und Drogenökonomie“, Verlag für Sozialwissenschaften 2007, S. 156, online abrufbar hier

Quizstunde

Aus welcher Tageszeitung stammt folgender Text?

Hollywood hat den Ruf, liberal zu sein. Aufgeschlossen und fortschrittlich. Doch ein Blick hinter die Kulissen der Traumfabrik zeigt: Nur der Schein ist wirklich rein. Tatsächlich ist Hollywood rassistisch, sexistisch und lässt auch ansonsten keine Möglichkeit aus, so diskriminierend wie eine Rede des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump (69) zu sein.

a) Neues Deutschland
b) Junge Welt
c) Süddeutsche Zeitung
d) taz
e) Bild

Na? Woher? Genau, hierher.