Extremismus bizarr

Bloßgestellt: Bericht über den ehemaligen „Die Rechte“-Aktivist Joel H. auf „Dortmundecho“

Die Beobachtung radikaler oder gar extremistischer Milieus kann sich lohnen. Häufig bilden diese einen Kristallisationspunkt für gesellschaftliche Konflikte und weisen damit auf künftige politische Entwicklungen hin. So kritisierte die westdeutsche 68er-Bewegung in den 1960er-Jahren unter anderem eine nicht aufgearbeitete NS-Geschichte und die Beschäftigung ehemaliger NS-Funktionäre im bundesrepublikanischen Staatswesen. Ein hohes Aufkommen von Asylbewerbern verschaffte dagegen in den 1990er-Jahren den „Republikanern“ eine kurze parteipolitische Blütezeit. Das Auftreten derlei Bewegungen kann als Indikator für gesellschaftliche Probleme dienen und bestenfalls sogar den politischen Diskurs beleben.

Letztlich können extremistische Milieus aber auch eines sein – unterhaltsam. Wer schon einmal die „Rote Fahne“ gelesen hat, das zweiwöchentlich erscheinende Parteiorgan der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands, weiß was ich meine: Die Verehrung von Massenmördern wie Stalin oder Mao ist so bizarr, die Sprache so altbacken und die revolutionären Phrasen so hohl, dass die Partei mit ihrem rigiden Dogmatismus selbst in der linksextremistischen Szene weitgehend isoliert ist. Sie erinnert eher an eine Sekte, als an eine politischen Partei. Die Melange aus völliger Bedeutungslosigkeit bei gleichzeitigem Messianismus erinnert an Gruppen wie die „Bürgerrechtsbewegung Solidarität“ der „LaRouche“-Bewegung.

Unangefochtener Spitzenreiter an Bizarrheit dürfte freilich der deutsche  Rechtsextremismus sein. Während sich die Sicherheitsbehörden bei Linksextremisten und islamischen Extremisten einigermaßen schwer tun, Zuträger für Informationen („V-Leute“) zu rekrutieren, sind entsprechende Probleme in der rechtsextremistischen Szene kaum ausgeprägt. Hier bieten sich sich Szeneangehörige auch schon mal selbst an, für kleines Geld die eigenen Leute zu verraten.

In Nordrhein-Westfalen dürfte es sich bei der aus verbotenen Kameradschaften rekrutierten, neo-nationalsozialistischen Splitterpartei „Die Rechte“ um die aktivste derartige Gruppe handeln. Trotz völliger politischer Bedeutungslosigkeit schafft sie es mit gezielten Provokationen, regelmäßig ihren Schwerpunkt Dortmund in ein negatives Licht und sich in die Medien zu bringen.

In der Vergangenheit machten Aktivisten der Partei etwa dadurch auf sich aufmerksam, dass sie in gelben T-Shirts mit der Aufschrift „Stadtschutz Dortmund“ patrouillierten und dabei unter anderem den als Schwulentreffpunkt bekannten Autobahnparkplatz Dortmund-Kirchlinde ansteuerten. Nachdem sie sich dort ins Unterholz geschlagen hatten, belehrten sie anwesende Männer – teilweise stotternd – über die Strafbarkeit von öffentlichem Geschlechtsverkehr und glänzen mit Stilblüten wie „Sind sie vielleicht homosexuell oder haben hier manchmal Geschlechtsverkehr, verbotenen?“. Der gesamte Auftritt hier:

Auch in anderer Beziehung fielen Mitglieder mit absonderlichem Verhalten auf: So erklärte der damalige Dortmunder „Die Rechte“-Stadtverordnete Siegfried Borchardt gegenüber „Spiegel TV“ auf die Frage, ob er mit seinem Spitznamen „SS-Siggi“ zufrieden sei, dass dies nicht der Fall sei – er würde lieber „SA-Siggi“ heißen.

Seit vergangenem Monat ist die Skurrilitäten-Liste der Partei um einen Punkt länger: „Die Rechte“ machte auf ihrem Internetauftritt „Dortmundecho“ öffentlich, dass ihr eigener Aktivist Joel H. mit dem linken Journalisten Markus A. in einer Ein-Zimmer-Wohnung zusammenlebte (siehe Aufmacher-Foto). A. ist ein Intimfeind der Szene und publiziert fast ausschließlich über Rechtsextremismus. In der Vergangenheit war der Splitterpartei ein Strafbefehl gegen A. zugespielt worden, dessen Absender offenbar A. selbst oder dessen Mitbewohner Joel H war – was die ganze Angelegenheit gleich noch etwas bizarrer erscheinen lässt.

Joel H. wurde schließlich auf einer „Die Rechte“-Kundgebung in Unna öffentlich bloßgestellt. Zudem veröffentlichten seine „Parteifreunde“ auf ihrem Hausportal „Dortmundecho“ genüsslich kompromittierende Details aus seinem Privatleben – nebst der angesichts räumlichen Enge der Wohnung nicht ganz abwegigen Vermutung, dass er und der Journalist A. ein Liebespaar bilden würden. Damit wäre dann selbst für „Die Rechte“ ein außergewöhnliches Ausmaß an Irrsinn erreicht.

Auch eine sexuelle Ebene hat ein nicht minder bizarrer Vorgang in Brandenburg: Dort machte keine rechtsextremistische Partei, sondern gleich der örtliche Verfassungsschutz Details aus dem Sexualleben eines Aktivisten der „Identitären Bewegung Deutschland“ öffentlich. In seinem Jahresbericht für 2017 schreibt der Dienst ab Seite 46:

Mit ihrem Aktivisten Robert Timm, der im Jahr 2016 die IBD-Regionalleitung übernahm, stiegen die Aktivitäten dieser Gruppierung im Jahr 2017 an. Timm, der die Gruppierung öffentlich repräsentiert und häufig über Interviews und Stellungnahmen im Internet seine Anliegen transportiert, stammt aus Berlin und studiert in Cottbus. Bevor Timm zur IBD stieß, erprobte er sich auf anderen Gebieten. Im Jahr 2013 war er einer der Protagonisten der SWR-Dokumentation „Die Verführungskünstler“. Timm präsentierte sich dort als einsamer, schüchterner Mann, der sich in Seminaren zum „Pick-up-Artist“ ausbilden lassen will, also zum modernen Casanova, der Frauen mit eingeübten Verführungsstrategien und Psychotricks „abschleppt“ und dies zu einer vermeintlichen „Kunstform“ erhebt.

Seinem Führungsanspruch in der IBD schadete seine „Pick-up“ Vergangenheit scheinbar nicht. Ebenso war es für Timm kein Widerspruch am 19. November 2016 einen Balkon der Bundesgeschäftsstelle von Bündnis 90/Die Grünen in Berlin zu erklimmen, um dort per Megaphon die Stärkung der Frauenrechte einzufordern. Nunmehr als Frauenversteher beklagte Timm, dass die Politik „unsere Frauen längst vergessen“ habe und stellte mit Verweis auf die vermeintlichen patriarchalischen Einstellungen von Asylsuchenden in Deutschland fest: „Wir werden für Multikulti nicht den Preis bezahlen – den Preis der Unversehrtheit und der Sicherheit unserer Schwestern, Mütter, Töchter und Freundinnen.“

Was einen Nachrichtendienst, der sachlich über Extremismus berichten soll, zu derart themenfremden Enthüllungen über das Privatleben eines mutmaßlichen Rechtsextremisten und dessen Verhöhnung als „Frauenversteher“ treibt, ist einigermaßen schleierhaft. Bestenfalls liegt die Erklärung in Alkohol, schlechtestenfalls will man sich bei der Partei „Die Linken“, die innerhalb der Rot-Rot-Grünen Koalition Brandenburgs bisher weiteres Personal für den völlig unterbesetzten Nachrichtendienst blockiert, lieb Kind machen. In jedem Fall wurde hier der eigenen Seriosität ein Bärendienst erwiesen.