Der verdrängte Völkermord

Karphert_ArmenierVölkermord. Bei diesem Begriff wird den meisten Menschen wohl der millionenfache Genozid an den europäischen Juden in den Sinn kommen. Das ist auch insofern nachvollziehbar, als dass es sich bei ihm um den bis dato qualitativ wie quantitativ gravierendsten Zivilisationsbruch handelt. Indes war er in der Geschichte der Menschheit nicht das einzige „Verbrechen der Verbrechen“. Vor Kurzem jährte sich etwa der Völkermord der Hutu an den Tutsi in Ruanda zum 20. Mal. Für bis zu eine Million Menschen brachte er den Tod.

Heute gibt es zwischen Hutu und Tutsi erste Anzeichen einer Versöhnung. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem deutsch-jüdische Verhältnis. Dieses ist zwar verständlicherweise immer noch alles andere als gewöhnlich. Gleichwohl steht man wieder im Dialog. Der erste deutsche Botschafter in Israel Rolf Friedemann Pauls nahm bereits 1965, nur 20 Jahre nach Ende des Holocaust, seine Arbeit auf.

Weniger Anlass zu Optimismus bieten die armenisch-türkischen Beziehungen. Bis zu 1,5 Millionen Todesopfer forderte der Genozid an den christlichen Armeniern durch die Türken in den Jahren 1915 und 1916 im damaligen Osmanischen Reich. Von einer Aufarbeitung ist man in der heutigen Türkei allerdings weit entfernt. Viel mehr wird mittels Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuch, welcher die „Beleidigung der türkischen Nation“ unter Strafe stellt, die bloße Erwähnung des Völkermordes mit bis zu zwei Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe sanktioniert.

Dabei gibt es unter seriösen Historikern keinerlei Dissens über die Existenz der massenhaften und gezielten Armeniertötung. Allein die Schätzungen über die Anzahl der Todesopfer variieren. Einen lebendigen Eindruck von den damaligen Ereignissen bieten die Erinnerungen einer armenischen Überlebenden:

Unser Trupp brach am 14. Juni auf. Er zählte 400 bis 500 Personen, 15 Gendarmen begleiteten uns. Wir waren kaum zwei Stunden von der Stadt entfernt, als Banden von Dorfbewohnern und Banditen in großer Zahl mit Büchsen, Gewehren, Äxten uns auf der Straße umzingelten und alles raubten, was wir mit uns hatten. Darauf trennten sie die Männer von uns. Im Verlauf von sieben bis acht Tagen töteten sie einen nach dem anderen. Keine männliche Person über 15 Jahren blieb übrig. Zwei Kolbenschläge genügten, um einen abzutun. Die Banditen griffen alle gut aussehenden Frauen und Mädchen und entführten sie auf ihren Pferden. Sehr viele Frauen und Mädchen wurden so in die Berge geschleppt, unter ihnen meine Schwester, deren ein Jahr altes Kind sie fortwarfen.

Wir durften nachts nicht in den Dörfern schlafen, sondern mussten uns außerhalb derselben auf der bloßen Erde niederlegen. Um ihren Hunger zu stillen, sah ich die Leute Gras essen. Im Schutze der Dunkelheit wurde von den Gendarmen, Banditen und Dorfbewohnern Unsagbares verübt.

Die Dokumentation „Aghet – Ein Völkermord“ beleuchtet den Armenier-Genozid näher.